Großartige Momentaufnahmen aus dem vermeintlich „gefährlichsten Land der Welt“ hat der deutsche Fotokünstler Manolo Ty vor kurzem vorgestellt. Wir hatten die Chance, ihn zu seiner Reise, seiner Motivation und seine Sicht auf das Land zu befragen.

  1. Erzähle uns ein wenig von dir. Wo bist du geboren und aufgewachsen? Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Ich komme ursprünglich vom Rande des Ruhrgebiets aus Hagen. Meine visuellen Eindrücke in meiner Kindheit waren von der grauen Monotonie der Industrie geprägt. Somit fasste ich schon früh den Entschluss, andere Seiten der Welt zu entdecken. Und mit dem Reisen kam die Fotografie. Zuerst als eine Art persönliches Tagebuch. In den folgenden Jahren arbeitete ich im Film- und Fernsehbereich und war zwischenzeitlich Hotelmanager eines Luxushotels im Ausland. Erst später erkannte ich, dass ich aus meiner Leidenschaft zur Kunst meinen Beruf machen würde. Und ich habe es nie bereut.

 

  1. Inwieweit haben deine Reisen dich und deine Sicht auf die Welt verändert?

Meine Reisen haben mich sehr geprägt. Schon nach dem ersten Trip durch Südostasien kam ich mit einem völlig neuen Weltbild zurück. Es ist schwer eindimensional zu denken, wenn sich so viele neue Perspektiven eröffnen. Ich denke mit der Zeit wird man toleranter und aufgeschlossener für andere Herangehensweisen an alltägliche Dinge. Man merkt, dass der Weg, den man von Kind auf gelernt hat, nicht der alleinige richtige ist! Und das ist eine sehr wichtige Lehre.

 

  1. Was würdest du den Menschen raten, die die weite Welt weniger kennen und entsprechende Ressentiments gegen Ausländer hegen?

Ich würde ihnen empfehlen, mal aus den eigenen bekannten vier Wänden herauszutreten und neue Sichtweisen zu entdecken. Dafür muss man keine weiten Reisen machen. Man sollte einfach offen auf andere zugehen. Das Verständnis kommt dann ganz von alleine.

© Manolo Ty

  1. Für deinen neuen Bildband „Pakistan Now“ warst du längere Zeit in Pakistan unterwegs. Hast du dich zunächst von den gängigen Meldungen der Medien über Pakistan beeinflussen lassen? Hattest du Vorurteile oder hast du diese durch deine Reisen inzwischen komplett abgelegt?

Natürlich habe ich erstmal nur schlechte Nachrichten aus dem Land wahrgenommen. Aber das war ich schon ein wenig aus anderen Teilen der Erde gewöhnt. Somit habe ich mich da nicht groß beirren lassen und wollte mir ein eigenes Bild machen. Und die gängigen Vorurteile wurden nach meiner Ankunft schnell widerlegt.

 

  1. Welche Begegnungen und/oder Geschichten der Menschen, die du getroffen hast, haben dich beeindruckt und warum?

Ich denke jede einzelne Begegnung ist etwas ganz Besonderes. Im Falle Pakistan war ich eher durch die große kulturelle Diversität der Menschen und die atemberaubende Gastfreundschaft beeindruckt. So etwas gibt es nicht oft in der Welt.

Da wäre beispielsweise der Nomade in der Wüste Cholistans, der mich und meine Freunde des Nachts in sein Zelt einlud als wir uns mitten in der Weite des Sands nahe der indischen Grenze verfahren hatten. Wir waren stundenlang mit unseren Jeeps umhergeirrt und stießen irgendwann auf seine Herde. Er kam gleich herbei und bat uns alle (wir waren immerhin zwölf Mann) in sein großes Zelt bevor er uns den Weg sagen wollte. Zuerst sollten wir uns ausruhen. Er ging zu seinen Kamelen und molk sie bevor er aus ihrer frischen Milch einen salzigen Tee für uns kochte. Ohne mich länger zu kennen lud er mich ein, für mehrere Tage bei ihm zu bleiben.

Oder an anderer Stelle im nördlichen Sindh machte mein Bus eine Pause und alle Fahrgäste gingen sich etwas zu Essen holen oder tranken einen Tee. So auch ich. Als ich bezahlen wollte, sagte man mir, es sei schon für mich bezahlt worden. Ich erwiderte, dass dies nicht sein könne, da ich doch niemanden kennen würde. So ging es ein paar Mal hin und her bis einige andere Gäste anfingen zu lachen, die dem Treiben zugeschaut hatten: „Du bist Gast hier. Für dich wurde schon gesorgt!“

© Manolo Ty

© Manolo Ty

  1. Gab es auch brenzlige Situationen?

In Rawalpindi porträtierte ich an einem Morgen die Menschen eines Bazaars. Die Menschen waren offen und fröhlich. Am nächsten Tag um dieselbe Uhrzeit sprengte sich dann ein Selbstmordattentäter in die Luft. Das lässt einen natürlich nachdenklich werden. Wobei man sagen muss, dass die Bevölkerung die Opfer solcher Anschläge ist, nicht die Täter als die sie nach außen hin oft dargestellt werden. Niemand würde ja auch auf die Idee kommen die Franzosen nach den Anschlägen in Paris zu Terroristen zu erklären.

 

  1. Warum heißt der Bildband „Pakistan Now“? Steht Pakistan JETZT an der Schwelle zu Größerem? Was haben wir von dem Land in den kommenden Jahren zu erwarten? Konntest du in deiner Zeit dort eine Tendenz feststellen?

Das NOW, also das JETZT, steht für mich für die Momentaufnahme. In Pakistan war ich einfach davor beeindruckt, dass die Menschen ihre eigene Kultur bis ins 21. Jahrhundert bewahrt haben und nicht auf den Weg der kompletten Westernisierung aufgesprungen sind. Salwar Kameez statt Bluejeans, Cricket statt Fußball, Bolly- oder Lollywood statt Hollywood. Wie lange das noch so bleibt, ist fraglich. Gerade mit der Eröffnung des neuen bi-nationalen ökonomischen Korridors mit China könnte sich einiges ändern.

 

  1. Welche Message hast du für die hier in Deutschland lebenden Pakistaner?

Seid stolz auf eure jahrtausendealte Kultur und seht die nationale Vielfalt als einen Vorzug anstatt euch untereinander abgrenzen zu wollen.

 

 

Manolo Ty
„Pakistan now“
Abid Azam
manoloty.com
Deutsch/Englisch
276 Fotos
288 Seiten
49,95€
https://www.amazon.de/PAKISTAN-NOW